Sera Na sagte daraufhin: „OK, damit haben wir in der nächsten Zeit ordentlich zu tun. Ich kenne in der Schnittermark sogar ein geeignetes Gelände. Gleich im Norden der Mark befindet sich ein zerstörtes Waldelfen-Dorf unweit der Stadt Arenthia. Es hätte sicher niemand etwas dagegen, wenn die Schattenelfen das wieder aufbauen und es zum Lehen nehmen. Ich weiß auch schon, wer mit Ayrenn verhandeln könnte. Arwenarwe, unsere neueste Verbündete aus Alinor - und Ayrenns Cousine. Wenn wir wieder im Domus Phrasticus sind, frage ich sie mal danach. Jetzt würde mich aber Freya Urdbrunn’s Geschichte interessieren. Freya, erzähle doch mal etwas von Dir. Wie bist Du hierher gekommen? Ich sehe, Du trägst die Rüstung der Alten Nord. Das sieht man relativ selten und wenn man dann die Besitzer darauf anspricht, erweisen sich die Rüstungen in der Regel nur als Nachbau.“
Freya blickte Sera Na an und antwortete: „Die Kurzfassung, ja? Ich war einst eine Feldherrin aus Atmora, der alten Heimat der Vorfahren der Nord. In Atmora wurde das Wetter von Jahr kälter und die Ernten wurden immer schlechter. So waren wir irgendwann dazu gezwungen, von Atmora aus in Gebiete weiter südlich der Insel zu expandieren. ICH wollte das durch Verhandlungen mit den Schnee-Elfen machen, die damals mehrheitlich Himmelsrand kontrollierten. Doch andere Atmoraner wiesen darauf hin, dass diplomatische Verhandlungen langwierig seien und bestanden auf eine schnellere Lösung der territorialen Frage durch Eroberung. Wir brauchten dringend geeignetes Land für unsere Bauern, um eine Hungersnot abzuwenden.“
Freyas Geschichte floss ruhig und bedächtig, doch mit einer inneren Kraft, die die Zuhörerinnen fesselte. Sie sprach nicht wie jemand, der eine alte Sage vortrug – sie sprach, als wäre sie gestern erst aus jener Zeit zurückgekehrt. Das Feuer am Lagerfeuer war erloschen, aber hier am See in der Leeren Stadt schien ihre Stimme selbst ein eigenes Licht zu tragen. Fareniel und Faraniel saßen reglos, die Augen auf Freya gerichtet – zwei Schwestern, die wussten, was es bedeutete, aus einer Welt gerissen und in eine andere geworfen zu werden. Sera Na hatte die Knie angezogen, das Kinn aufgestützt, und hörte mit jener stillen Intensität zu, die sie immer zeigte, wenn jemand etwas wirklich Wichtiges preisgab.
Freya ließ das Gesagte einen Moment auf ihre Zuhörer wirken und fuhr schließlich ohne Hast fort, „Atmora drohte zu vereisen. Immer tiefer schob sich das Eis über das Land und verschlang eine Ackerfläche nach der anderen. Forstwirtschaft war auch nicht mehr möglich. Und der Fischfang alleine konnte den Bedarf nicht decken. Zuletzt war nur noch die Gegend um die Hafenstadt Iylkurfyk am Rande des Geistermeeres bewohnbar, das auch an die Region Winterfeste in Himmelsrand angrenzt. Unter diesem Druck begann schließlich ein Bürgerkrieg. Zuerst waren es einzelne Plünderer, die auf Plünderfahrt gingen, und die Nordküsten Tamriels heimsuchten, um in ihrer verzweifelten Lage ihre Familien in Atmora zu versorgen.
Schließlich begann ein blonder Mann mit goldenem Bart, der später als Ysgramor bekannt wurde, Leute um sich zu sammeln und von Atmora aus mit einem Schiff zu Kap Hsaarik nahe Winterfeste zu fahren, wo sie an Land gingen. Zunächst freundeten sie sich mit den in Himmelsrand lebenden Schnee-Elfen an. Alles sah nach einer friedlichen Lösung der Probleme der Atmoraner aus, die sich bis heute durch kulturelle Einflüsse von außen zu den Euch bekannten Nord entwickelt haben.“
An dieser Stelle wurde sie von Sera Na unterbrochen: „Bist Du nicht viel zu jung dafür? Diese Ereignisse geschahen doch in der Meretischen Ära, dem Zeitalter der Elfenvölker. Die Ära wurde ja nach den ‚Mer‘, den ‚Elfenvölkern‘ benannt, die diese Zeit dominierten. Also nicht nur, aber hauptsächlich die Altmer und die Ayleïden, die sich überall ausgebreitet hatten. Und Du warst zu dieser Zeit Feldherrin?“
Freya hob die Hand und erklärte: „Dazu komme ich noch. Laß’ mich weiter erzählen. Nur um kurz Deine Frage zu beantworten: körperlich bin ich jetzt 25 Jahre alt, aber Molag Bal hat mich damals nach Kalthafen geholt und sozusagen bis auf weiteres in ein Kraftfeld eingesperrt, das mich in der Zeit beinahe einfror. Hätte Faraniel mich nicht mit einem Trupp ihrer Verbündeten dort heraus geholt, wäre ich immer noch in diesem Kraftfeld gefangen – falls Molag Bal nicht inzwischen entschieden hätte, mich zu erledigen. Ich schätze, er war nach so langer Zeit am Ende seiner Geduld angelangt. Doch eins nach dem anderen...“
Freya ließ ihren Zuhörern etwas Zeit, das Gehörte zu verarbeiteten und erzählte mit ruhiger Stimme weiter: „Ich gehörte zu Ysgramors Führungsstab. Übrigens zeugt noch heute die ‚Ballade der Wiederkehr‘ von den damaligen Ereignissen. Ich konnte sie kürzlich erst in einer Taverne in der Leeren Stadt hören. Wir hatten nach der Landung in der Nähe der Landungsstelle am Kap Hsaarik die Siedlung Saarthal gegründet und von dort aus das Land kolonisiert. In Anlehnung an der in diesem Land lebenden Elfen nannten wir das Land zunächst Mereth. Ich half damals dabei, gute Beziehungen zu den Schnee-Elfen aufzubauen und war gegen eine militärische Expansion. Andere Generäle sahen das nicht so, doch ich setzte mich bei dem Rat im Thing durch. Wir begannen keinen Krieg. Einige wenige gingen schließlich auf die unwirtliche Insel Solstheim. Der Stamm der Skaal hatte eine gute Führung und könnte es tatsächlich geschafft haben, dort dauerhaft Fuß zu fassen. Leicht war das sicherlich nicht. Die Insel hatte viel Wildnis, Eis und Schnee, aber kaum geeignetes Ackerland.
Doch die Schnee-Elfen sahen, dass sich die Menschen in Himmelsrand immer weiter ausbreiteten und immer mehr wurden durch den raschen Nachstrom an Atmoraner aus der alten Heimat und deren Nachwuchs. Sie sahen die Atmoraner zunehmend als Bedrohung an. Unter Saarthal wurde eine Quelle der Magie versteckt: Das Auge von Magnus. Auch die Schnee-Elfen wollten diese Quelle der Macht besitzen, griffen die von den Atmoranern bewohnte Siedlung Saarthal schließlich an und begannen, die Neuankömmlinge abzuschlachten.“
„Nach Saarthal war nichts mehr wie zuvor. Die Schnee-Elfen hatten uns angegriffen, weil sie fürchteten, was wir werden könnten. Und wir fürchteten, was sie uns nehmen wollten. Das Auge von Magnus unter der Stadt – eine Quelle reiner Magie – war für beide Seiten mehr als nur Macht. Es war Überleben. Für uns Atmoraner war es die letzte Hoffnung gegen den Hunger, für die Elfen der Schlüssel zu ihrer alten Größe. Ysgramor war außer sich vor Zorn. Er schwor Rache, und die meisten folgten ihm. Ich… ich war die Einzige in seinem engsten Kreis, die immer wieder mahnte: ‚Wir haben genug Blut vergossen. Wenn wir siegen, lasst uns dann verhandeln. Lasst uns Grenzen ziehen, die halten.‘ Ich glaubte, dass man aus Trümmern etwas Neues bauen konnte – ein Land, in dem beide Völker leben, ohne dass eines das andere auslöschen musste. Aber die anderen Feldherren hörten nicht. Sie sahen nur noch den Feind. Und Ysgramor… er hörte zu, doch sein Herz war bereits kalt geworden.
Mit dem letzten verbliebenen Schiff reisten wir mit Ysgramor zurück nach Iylkurfyk und verbreiteten die Geschichte vom Verlust von Saarthal. Ysgramor sammelte die mächtigsten Krieger, die er finden konnte, formte eine Flotte und eine Armee, unter der ich dann Feldherrin war, und kehrte nach Himmelsrand zurück. Wir landeten erneut, diesmal nicht als Siedler, sondern als Eroberer. Die Schlachten waren grausam. Die Schnee-Elfen kämpften mit Magie, die wir nicht verstanden, und wir mit atmoranischem Stahl und Wut. Doch wir waren mehr, und wir waren verzweifelt. Wir drängten sie zurück, eroberten Stadt um Stadt, bis sie nur noch in den tiefsten Tälern und Höhlen saßen.
Wir wurden unter dem Namen ‚Die fünfhundert Gefährten‘ bekannt, und begannen, diesen Teil von Himmelsrand zurück zu erobern. Ob wir wirklich fünfhundert waren? Ich weiß es nicht. Ich selbst habe nie nachgezählt und die Anzahl änderte sich ständig. Neue Krieger kamen hinzu und andere gingen wieder – entweder durch Tod oder weil sie genug hatten. Schließlich wurden die Schnee-Elfen geschlagen. Damit war der erste Stein zur größeren Bevölkerung von Himmelsrand durch die Atmoraner gelegt.“
Fareniel hakte nach: „Gut, aber wo war der Punkt, als Molag Bal Dich aus diesem Spiel genommen hat?“ Die Atmoranerin antwortete ihr: „Es kam der Moment, in dem ich dachte, wir könnten Frieden schließen. Wir hatten gesiegt – oder zumindest so sehr, dass keiner von uns mehr leugnen konnte, dass es genug war. Ich rief im Thing dazu auf, die Waffen ruhen zu lassen. ‚Wir haben Land. Wir haben Nahrung. Lasst uns jetzt reden, bevor wir alles zerstören, was wir erkämpft haben.‘ Einige stimmten mir zu. Andere schwiegen. Ysgramor hörte zu… und schwieg ebenfalls.“
„Ich setzte mich für einen Friedensvertrag mit den Schnee-Elfen ein. Ich schlug vor, das Gebiet um Winterfeste bis zu dem Gebiet, wo heute Windhelm, Weißlauf und Einsamkeit stehen zu beanspruchen und die Grenzen festzuschreiben. Das Gebiet war groß genug, um das Ernährungsproblem der Atmoraner zu lösen. Das ursprüngliche Problem, das ja zum Verlassen meines Volkes von Atmora führte. Für die meisten anderen Feldherren unter Ysgramor war das keine Option.“
„Doch bevor ich die Verhandlungen zuende führen konnte, kam der Verrat.“ Freya hielt inne. Ihre Hände ballten sich kurz zu Fäusten, dann öffneten sie sich wieder – eine alte Gewohnheit, als müsse sie sich selbst zur Ruhe zwingen. „Ein Bote kam zu mir – ein Vermittler, der behauptete, von den Schnee-Elfen geschickt zu sein. Er überbrachte eine Nachricht: Ein Treffen in den Bergen nahe Saarthal, um Frieden zu schließen. Ich glaubte ihm. Ich wollte glauben, dass es möglich war. Ich ging fast allein, nur mit einer kleinen Eskorte. Es war eine Falle.“
„Dremora und Xivkyn stürzten aus dem Dunkel. Molag Bals Diener. Sie überwältigten uns, bevor wir auch nur die Klingen ziehen konnten. Ich kämpfte, so gut ich konnte… doch sie waren zu viele. Das Letzte, was ich sah, war ein dunkles Portal, das sich öffnete und mich hinein zog. Dann nichts mehr – nur Kälte, und ein Kraftfeld, das mich festhielt wie Bernstein ein Insekt. Das hat mich aus der Zeitlinie entfernt.“
Faraniel ergänzte und verschaffte der Atmoranerin eine Atempause: „In einer gemeinsamen Aktion sind die Schattenelfen zusammen mit der Magiergilde und der Kriegergilde in dieses Gefängnis eingedrungen, um alle dort befindlichen Gefangenen zu befreien. Aber nur Freya Urdbrunn war aufwändig in einem Kraftfeld gefangen gehalten worden. Der Fürst der Intrigen betrachtete sie wohl als Ausstellungsstück seiner persönlichen Sammlung, hatte sie vielleicht auch reserviert für irgendeine spätere Verwendung. Näheres konnten wir jedoch in der Eile nicht in Erfahrung bringen.“
Die Atmoranerin nickte und fügte hinzu: „Außerhalb meines Gefängnisses flossen die Jahrhunderte an mir vorbei. Molag Bal hat immer wieder versucht, auf mich einzuwirken, damit ich mich von ihm zu einer Tochter Kalthafens machen ließe, doch ich lehnte immer ab.“ Als sie das weiter erläutern wollte, unterbrach Sera Na Freya und erklärte: „Wir haben in Winterfeste eine Vampirin namens Eva Steinherz getroffen, die unsere Verbündete wurde und uns bei der jetzigen Mission schon sehr geholfen hat. Sie hat uns auch erklärt, dass sie eine Voikihar-Vampirin und damit ursprünglich eine Tochter Kalthafens wäre, wir wissen also, worüber du gerade sprichst.“
„Gut!“ führte Freya ihre Ausführungen weiter fort „Dann kann ich DEN unangenehmen Teil der Geschichte ja überspringen. Jedenfalls muß auch Molag Bal sich an einige Gesetzmäßigkeiten halten, wenn er ein bestimmtes Ergebnis erreichen will und so muß er meinen freien Willen respektieren. Es bedarf also meiner Zustimmung, wenn er mich zu einer Vampirfürstin machen will. Die hat er von mir nicht erhalten, doch hat er nie aufgegeben, mich dazu zu überreden mit allerlei Versprechen, Listen und Intrigen. Er behielt mich wohl in diesem Gefängnis in der Annahme, dass ich früher oder später zustimmen würde. Hätte ich zugestimmt, hätte er eine Vampirfürstin mit Kriegserfahrung erhalten, die seine Truppen in den Kampf hätte führen sollen. Was er will ist keine willenlose Sklavin. Davon hat er bereits mehr als genug. Er braucht einen General, dem er nicht jeden Schritt einflüstern muß.“
Nachdenklich blickte sie zu einem leeren Punkt am Horizont. Zögerlich fügte sie hinzu: „Ich… nun… wie soll ich es sagen? Molag Bal sprach manchmal von einer Stärke in meiner Seele, die er für seine Armeen nutzen wollte. Er nannte sie ‚ein Feuer, das nicht erlischt‘, aber ich verstand nie, was er meinte. Klar war nur, dass er eine Kraft zu glauben sah, die er sich nutzbar machen wollte."
„Wie hast Du es so lange geschafft, seinen Versuchen zu widerstehen? Er hat doch sicher ALLES versucht, was er versuchen kann, oder?“ wollte Sera Na wissen. Freya erklärte: „Nun, ja, er versuchte alles. Er machte mir verlockende Angebote, bot mir Macht, Land und Reichtümer an. Ich müßte nichts weiter tun, als ihn anzubeten und ihm zu dienen. Manchmal versetzte er mich in Angst und Schrecken und… ja, ich hatte Angst! Er hatte genug Zeit, meine Ängste zu analysieren, wußte genau, was ich fürchte - und er spielte nach Belieben damit.“
Sera Na nickte und meinte: „Meine Freunde… und ich hatten schon oft genug mit Molag Bal zu tun, ich weiß, wovon Du sprichst. Aber irgend etwas muß dann passiert sein, so dass er Dich nicht brechen konnte. Was war es?“
Die Atmoranerin atmete tief durch und fuhr fort: „Schließlich bekam ich unerwartete Hilfe von außen. Die Daedra haben untereinander Streitigkeiten und Rivalitäten. Hermaeus Mora setzte sich telepathisch mit mir in Verbindung. Der Fürst des Wissens hasst Molag Bal, das ist kein Geheimnis. Er sagte mir Unterstützung zu, wenn ich Molag Bal NICHT beitrete. Ich wollte natürlich wissen, was der Preis für seine Hilfe sei doch er meinte, erst einmal wäre es ihm wichtig, dass Molag Bal seinen Willen nicht bekommt, also keine Vampirfürstin mit Militärerfahrung erhält. Er hätte außerdem mehrere Zeitlinien gesehen, und in vielen davon würde ich Mora unbewußt gute Dienste leisten. Einfach in dem, was ich unternehme oder auch NICHT unternehme, würde ich mehr oder weniger zufällig Hermaeus Mora’s Interessen dienen. Und er sah auch Zeitlinien, in der ich Vampir-Generälin wurde. In diesen Realitäten war Nirn gefallen, die Ebenenverschmelzung war vollzogen und der Fürst der Intrigen hatte Nirn in sein Reich integriert.
Wir hatten Jahrhunderte lang Zeit, so dass er mir viele solche Dinge zeigen konnte. Viel erklärte mir Hermaeus Mora nicht dazu, er zeigte es mir einfach. Aber das Ergebnis war nicht in seinem Sinne, denn er selbst hatte in diesen Szenarien so gut wie keinen Einfluss mehr in Nirn. Er zeigte mir jedoch das eine oder andere Mal Visionen, in denen mein alternatives Ich zum Beispiel gerade dabei war, Land zu erobern, Widerstandszellen zu zerschlagen und dabei skrupellos mit brutaler Gewalt vorging. Ich konnte es sehen, auch fühlen, als wäre ich mitten drin. Ein Mal war mein Geist sogar im Körper meines alternativen Ichs während dieses vom Blut ihrer Gegner trank. Einfach schrecklich… Ich konnte den Blutrausch fühlen. So real waren diese Visionen. Doch ich konnte keinen Einfluss auf die Ereignisse nehmen und war nur Beobachter.“
Faraniel kannte diesen Teil der Geschichte schon und führte die Ausführungen fort. So konnte Freya einmal kurz pausieren: „Hermaeus Mora hat sogar darauf verzichtet, Bedingungen für seine Unterstützung zu stellen. Das kommt ja nicht oft vor. Vermutlich hat er Molag Bal einfach damit geschadet, Freya nicht unter seinen Einfluß geraten zu lassen und hat damit bereits seine eigenen Interessen verfolgt. Es kam zu einem Vertrag zwischen Hermaeus Mora und Freya, der ungewöhnlich günstig für sie ausfiel und keine konkrete Gegenleistung forderte außer, dass sie sich unter keinen Umständen Molag Bal anschließen sollte. Er verlangte nicht mal, dass sie statt dessen Mora dienen sollte.“ Die Atmoranerin nickte und ergänzte: „Mora betonte bei verschiedenen Gelegenheiten, er würde seinen Teil schon noch bekommen.“
Freya erklärte weiter: „Nun, ich komme erst einmal zum vorläufigen Ende der Geschichte. Wir werden bestimmt später noch Zeit für Geschichten haben. Hermaeus Mora verlieh mir mit Wissen aus Apokrypha die Fähigkeiten einer Arkanistin, für die Sterbliche normalerweise viele Jahre studieren müßten. Mit diesen Fähigkeiten erhielt ich die notwendige geistige Widerstandskraft, um den Einflüsterungen des Herrn der Lügen besser zu widerstehen. Alle Geistmanipulationen und Geistfoltern durch den Fürst der Intrigen blieben ab dem Zeitpunkt ohne Erfolg. Auf Moras Rat hin begann nun ICH damit, Molag Bal zu täuschen. Ihm Angst und Schrecken vorzugaukeln, damit er glaubte, was er tat, hätte Wirkung... Ihm zum Beispiel vorzutäuschen, dass ich über sein Angebot nachdenken würde. Während der ganzen langen Zeit lang hat es sich Molag Bal nie aus dem Kopf geschlagen. Er hat es immer wieder versucht. Zuletzt schien seine Geduld allerdings erschöpft. Ich nehme an, wenn Faraniel nicht diese Gefangenenbefreiungsaktion organisiert hätte, hätte er mich bald zu einer dieser seelenlosen Hüllen ohne eigenen Willen gemacht oder getötet.“
Für einen Moment grübelte die Dunmer vor sich hin, schließlich fragte sie die Atmoranerin: „Was für einen Grund könnte Molag Bal gehabt haben, Dich derart aufwändig gefangen zu halten? Es muß ein ähnlicher Aufwand gewesen sein, wie bei der Verwahrung des ‚Propheten‘, den wir später als den entmachteten Kaiser Varen Aquilarios kennen gelernt haben. Da hatte er gewichtige Gründe für dieses aufwändige Gefängnis – unter anderem die Zerschlagung der fünf Gefährten.“
Faraniel antwortete auf diese Frage: „Als ich mit unserem Schattenelfen-Rettungstrupp Freya aus ihrem Gefängnis befreiten, befand sie sich in einer aufwändig gestalteten Kraftfeld-Konstruktion gefangen. Wir mußten, nachdem wir zahlreiche seiner Diener getötet hatten, erst mehrere große Seelensteine oder so etwas Ähnliches in ihren Halterungen zerstören, um das Feld zu zerschlagen. Erst dann konnten wir sie da rausholen. Sie fiel dabei einige Fuß in die Tiefe und schlug dabei so heftig auf dem Boden auf, dass unsere Heiler sie erst stabilisieren mußten, bevor wir sie wegbringen konnten. Wir hätten sie dabei um ein Haar verloren!“
Die Arkanistin schaute gedankenverloren in die Ferne. Nach einer Weile fuhr sie leise fort: „Die naheliegende Vermutung wäre, der Fürst der Intrigen wollte nicht, dass die Schnee-Elfen Frieden mit den Atmoranern schließen. Aber wenn ich darüber nachdenke, hatte er mehrmals durchblicken lassen, dass irgendetwas mit meiner Seele der Grund für sein Interesse war. Konkret wurde er dabei nie. Und auch Mora sagte mir mehrmals, die Integrität meiner Seele müsse gewahrt bleiben, Ich weiß bis heute nicht, was er damit meinte, dazu blieben die Andeutungen zu vage...“
Die Dunkelelfe lauschte interessiert und brummte: „Bei den Daedrafürsten geht es doch ständig um Seelen. Aber meistens sammeln sie sie nur und ziehen Energie aus ihnen heraus. Nur wenige Seelen erfahren eine Sonderbehandlung. Wie zum Beispiel bei Varen Aquilarios… Seltsam…“. Die Nachtklinge machte eine Handbewegung, die Freya signalisierte, dass sie fortfahren sollte.
Das tat die Arkanistin auch: „Einige Male zeigte mir Mora eine Vision von einem Mann mit einer seltsamen Maske, der in einem tintigen Meer steckte. Die Umgebung um ihn herum sah nach Moras Reich Apokrypha aus; das er mir in seinen Visionen oft und gerne gezeigt hatte. Der Mann machte auf mich den Eindruck eines Gefangenen. In der Vision konnte ich zwei schwarze Bücher nebeneinander auf einem Altar liegen sehen, der mit zahlreichen Tentakeln und Ornamenten verziert war. Vermutlich ein Altar in Apokrypha. Die Bücher lagen auf einem steinernen Tisch waren manchmal umgeben von einem Schimmer, schwarz wie Tinte, manchmal fehlte die Schwärze. Eines der Bücher trug den Titel Miraak, das andere trug den Titel „Freya Urdbrunn“… also meinen Namen. Warum zeigte er mir diese Bild, und warum stand mein Name neben seinem? Ich verstehe es bis heute nicht! Mehr zeigte mir Hermaeus Mora nicht. Diese Art Visionen hinterließen jedesmal ein unerklärliches, beklemmendes Gefühl. Mora flüsterte mir dabei zu: ‚Wenn Du mir folgst, erwartet Dich Wissen, das Du nicht einmal erahnen kannst!“
Die Bücher mit den Titeln „Miraak“ und „Freya Urdbrunn“ aus der Vision.
Sera Na meinte: „Na das war ja mal eine wilde Geschichte. Was hast Du denn in der letzten Zeit nach Deiner Befreiung gemacht?“ Freya antwortete: „Ich habe hier in Kalthafen geholfen, wo Hilfe nötig war. Ihr wißt ja selbst, wie trostlos dieser Ort ist. Überall orientierungslose Seelen. Zu mir kommen immer wieder Geister mit zu ihren Lebzeiten unerledigten Aufgaben. Auch Menschen und Elfen, die Molag Bal von ihrer Seele getrennt hat und die Hilfe brauchten, um das wieder in Ordnung zu bringen. Viel zu oft konnte ich ihnen nicht helfen, weil sie schon zu lange von ihrer Seele getrennt waren. Da bleibt oft nur die Gnade der Erlösung, damit sie wenigstens nach Sovngarde können. Oder dahin, woran auch immer sie glaubten."
„In anderen Fällen mußte ich um zu helfen Kalthafen schon oft verlassen, so dass ich inzwischen über die Veränderungen in der Welt recht gut unterrichtet bin. Im Herzland liegt ein Kaiserreich in Trümmern, das es vor meiner Entrückung aus Himmelsrand noch nicht gab. Dann gibt es aus meiner Perspektive betrachtet plötzlich wie aus dem Nichts ein Dolchsturz-Bündnis, einen Ebenherz-Pakt und ejn Aldmeri-Dominion, die sich spinnefeind sind. Sicher nicht zuletzt deswegen, weil es Molag Bal gelingt sie ständig gegeneinander aufzuhetzen. Teile und herrrsche… Sollten sie jemals verstehen, dass ihre vereinte Macht Molag Bals Ebenenverschmelzung für immer verhindern würden, hätte Molag Bal eine Macht gegen sich, gegen die er nichts ausrichten könnte.“
"Ihr müßt Euch vorstellen, dass ich davon während meiner Gefangenschaft nichts mitbekommen habe. Für mich stand die Zeit beinahe still. Sie lief irgendwie immer dann weiter, wenn Molag Bal oder Hermaeus Mora auf mich einwirkten.“
"Ich kann Euch versichern, dass das auf mich sehr verwirrend gewirkt hat, als ich dann versucht habe, mich zu orientieren. Ich mußte auch feststellen, dass es in Himmelsrand nirgendwo mehr Schnee-Elfen zu finden gibt, die es aus meiner Perspektive aus noch vor wenigen Monaten noch so zahlreich gab, dass die Atmoraner im Krieg mit ihnen lagen. Diese Sache kann wohl nie wieder bereinigt werden. Mit meiner Entfernung aus der Zeit hat Molag Bal einen Friedensschluss verhindert. Wenn ich damals hätte verhandeln können… vielleicht gäbe es heute noch Schnee-Elfen in Himmelsrand. Vielleicht gäbe es ein Land, in dem beide Völker nebeneinander leben könnten. Ich habe noch viel nachzuholen.“
Freya schwieg einen Moment, blickte auf ihre Hände „Und jetzt bin ich hier. In einer Welt, die ich nicht mehr erkenne. Keine Schnee-Elfen mehr. Kein Atmora, das ich wiedersehen könnte. Nur noch Tamriel… und ein Krieg, der nie aufgehört hat. Molag Bal hat mich nicht vergessen. Und ich habe ihn nicht vergessen.“ Sie hob den Blick und sah die anderen an – zuerst Fareniel und Faraniel, dann Sera Na. „Ich bin keine Gefangene mehr. Ich bin eine Kriegerin, die eine Rechnung offen hat. Wenn ihr mich braucht… ich kämpfe mit euch. Gegen ihn. Gegen seine Schatten. Gegen alles, was er noch plant. Molag Bal hat nicht nur mich geraubt. Er hat ein ganzes Volk und eine mögliche Zukunft geraubt. Und dafür werde ich ihn bezahlen lassen!“ Die Stille am See war jetzt tief. Nur das Wasser plätscherte leise, und Meridias Licht schien ein wenig heller zu werden, als wollte es sagen: Hier bist du sicher. Hier bist du angekommen.
Sera Na brach als Erste das Schweigen. Ihre Stimme war sanft, aber fest. „Dann bist du willkommen, Freya Urdbrunn. Willkommen bei uns.“ Faraniel legte eine Hand auf Freyas gepanzerte Schulter – eine Geste, die mehr sagte als Worte. „Und willkommen zurück im Kampf“, fügte sie leise hinzu. Freya nickte nur. Ein kleines, trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Dann lasst uns anfangen“, sagte sie. „Erzählt mir alles, was ich verpasst habe. Und dann… dann zeigen wir Molag Bal, dass man manche Feuer nicht löschen kann!“
Fareniel nickte langsam, die Augen auf Freya gerichtet: „Wir können Dir dabei helfen. Da wir zur Zeit sehr viel herum kommen, gäbe es für Dich viele Gelegenheiten, auf den aktuellen Stand der Dinge zu kommen. Eine erfahrene Feldherrin und Diplomatin könnte in dem Kampf gegen die Schattenfürsten entscheidend werden; Du kennst Molag Bal durch Deine Gefangenschaft sicher sehr gut. Vielleicht müssen wir ja im Verlauf noch eine Armee auf die Beine stellen oder Verhandlungen führen, die niemand sonst zustande bringt.“
Faraniel, die neben ihrer Schwester saß, lehnte sich vor. Ihre Stimme war fest, fast feurig. „Ich will mich dem Kampf ebenfalls anschließen“, sagte sie. „Ich bleibe hier in Kalthafen und sammle Verbündete. Wir Schattenelfen kennen Molag Bals Reich besser als jeder andere. Wir wissen, wo seine empfindlichsten Punkte liegen – Knotenpunkte, Seelenfallen, Versorgungslinien, die sein ganzes Reich am Laufen halten. Früher mussten wir diese Orte gegen rivalisierende Daedra verteidigen, weil wir den Pakt mit ihm hatten. Jetzt… jetzt können wir sie gegen ihn wenden.“
Sie lächelte schmal, fast raubtierhaft. „Wenn wir dort immer wieder gezielte Störungen starten – Trollangriffe, Sabotage, kleine Chaosakte –, streuen wir Sand ins Getriebe. Er wird sich darum kümmern müssen. Und während er abgelenkt ist, habt ihr in Tamriel mehr Luft zum Atmen.“
Sera Na, die bislang still zugehört hatte, nickte anerkennend. Faraniel wandte sich direkt an sie. „Sera Na – könntest du bei der Diebesgilde und der Dunklen Bruderschaft um Unterstützung werben? Wir können jede Hilfe brauchen. Selbst Sithis kann es nicht egal sein, was die Schattenfürsten in Tamriel in Molag Bals Namen anrichten. Wenn das Gleichgewicht kippt, kippt auch sein Geschäft mit dem Tod.“ Sera Na lächelte trocken, die rotgoldene Gewandung schimmerte im Licht des Sees. „Zur Diebesgilde hat unser Freund Diego bereits Kontakt hergestellt – das läuft schon. Um die Dunkle Bruderschaft kümmere ich mich persönlich.“
„Klingt gut. Machen wir es so!“ sagte Fareniel und schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. „Lasst uns ins Domus Phrasticus gehen. Wir haben ein Hauptquartier in die Leere Stadt zu verlegen und Arwenarwe muß mit Königin Ayrenn reden wegen einem Schutzgebiet für die Schattenelfen in Valenwald. Auf geht’s“
Sie erhoben sich gemeinsam. Das Plätschern des Sees und das ferne Murmeln der Stadt begleiteten sie, als sie zum Teleporter zurückkehrten. Sera Na, Fareniel und Freya Urdbrunn traten als Erste hindurch – Freya mit einem letzten Blick auf den Pavillon, als wollte sie sich diesen Ort der Ruhe einprägen. Faraniel blieb zurück. Sie umarmte ihre Schwester noch einmal fest, dann wandte sie sich um. „Ich gehe direkt zum Hauptquartier der Kriegergilde“, sagte sie. „Dort fange ich an, Unterstützung zu sammeln. Danach die Magiergilde. Wir sehen uns bald wieder – und dann mit mehr als nur Worten.“ Fareniel nickte. „Pass auf dich auf, Schwester.“ „Immer“, antwortete Faraniel mit einem schiefen Lächeln. „Und du pass auf die da draußen auf. Sie brauchen dich.“ Mit diesen Worten verschwand sie in Richtung der Gildenviertel.